„Das Skandalöse an dem Ganzen ist doch, dass wir dafür streiken mussten” – Die Krankenhausbewegung in Nordrhein-Westfalen

Autor:innen: Sophia Bader, Katharina Geiger, Marc-Dirk Harzendorf

Dass Klatschen für Krankenhauspersonal zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen nicht ausreichend ist, dürfte mehr als fünf Jahre nach Ausbruch der Coronapandemie zu einer Binsenweisheit geworden sein. Nicht erst seit dem Ausbruch von Covid-19 klagt klinisches Fachpersonal über unzumutbare Arbeitsbedingungen; besonders die vielerorts zu geringe Personalausstattung, damit einhergehende Überstunden, gesundheitliche Risiken und der für die so anspruchsvolle wie unentbehrliche Arbeit geringe Lohn werden seit Jahren öffentlichkeitswirksam beanstandet. Die stets nur graduellen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen werden hart erkämpft, maßgeblich in Form von Tarifverträgen für Entlastung (TV-E).

Wegweisend hierfür war insbesondere der über elf Wochen andauernde Streik an allen sechs Universitätskliniken Nordrhein-Westfalens im Jahr 2022, der ein Kulminationspunkt der bundesrepublikanischen Entlastungsbewegung war und maßgeblich zur erfolgreichen Durchsetzung eines TV-E im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands beitrug. In einer Fallstudie untersuchen wir die basisorientierte und berufsgruppenübergreifende Organisierung der als „Notruf NRW“ bekannt gewordenen Krankenhausbewegung und bestimmen ihre Erfolgsbedingungen inmitten des komplexen gewerkschaftlichen Betätigungsfelds Krankenhaus, dessen institutionelle wie arbeitsweltliche Logik durch stete Ökonomisierungsprozesse geprägt ist. Die Studie zeichnet das Porträt einer der bis dato längsten deutschen Streikbewegungen und wagt dabei den Versuch einer theoretischen Kontextualisierung, die die Errungenschaften dieser kollektiven Anstrengung auf institutioneller Ebene hervorhebt, ihren nachhaltigen Erfolg aber im Bewusstsein der Streikenden verortet: Der Streik hat zur Entstehung einer widerständigen Subjektivität von Beschäftigten im Krankenhaus geführt, die das Potenzial hat, weit über den Streik im Jahre 2022 hinaus zu wirken.

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